Bild 1: Porträt Wei Leng Tay
© Courtesy the artist
Bild 2: Wei Leng Tay, Staring into Voids and Blues, 2024
Archival pigment prints on 3 rolls of cotton rag, metal clips, screws, Dimensions variable.
© Courtesy the artist and Yeo Workshop
Foto: Siobhan Yeow
Bild 3: Wei Leng Tay, between leaving and arriving, 2019
copy paper prints
Dimensions of print grid: 327x336cm
Installation view of work in exhibition Living Pictures: Photography in Southeast Asia, National Gallery Singapore, 2022-23.
© Courtesy the artist
Interview mit Wei Leng Tay
Preisträgerin des Alexander Tutsek Photography Grant
Als eine von vier Preisträgerinnen der zweiten Ausgabe des Alexander Tutsek Photography Grant arbeitet Wei Leng Tay an einem neuen Projekt zum Thema Stories on Humankind. Ihre Arbeiten schaffen Räume, in denen sich persönliche Erfahrungen und übergeordnete historische Kontexte überschneiden, und beschäftigen sich dabei mit Fragen der Zugehörigkeit, der Erinnerung und der menschlichen Erfahrung. In einem Interview gab die Künstlerin erste Einblicke in ihr neues Projekt und ihre Beziehung zum Medium Fotografie.
Alexander Tutsek-Stiftung (ATS): Wei Leng Tay, Sie sind eine der Preisträgerinnen des aktuellen Alexander Tutsek Photography Grants, der im Oktober 2025 begann. Wie kam es ursprünglich zu Ihrem Interesse an der Fotografie?
Wei Leng Tay (WLT): Ich kam in meinen späten Teenagerjahren zur Fotografie. Als ich mein Bachelorstudium in Biologie absolvierte, musste ich in einem Sommer ein Praktikum in Boston absolvieren. Ich war in einem Immunologielabor und mochte meine Arbeit dort nicht wirklich, also sagte ich das meiner Betreuerin. Und sie meinte: „Na ja, da du schon mal in Boston bist, warum gehst du nicht einfach raus und machst Fotos?“ Also lieh sie mir ihre Kamera, und das war mein Einstieg in die Fotografie. In diesem Sommer habe ich viel fotografiert und es hat mir großen Spaß gemacht. Ich dachte: „Vielleicht sollte ich im kommenden Semester bei der Studentenzeitung arbeiten.“ Und genau das habe ich dann auch getan.
Im darauffolgenden Sommer wollte ich bei einer Zeitschrift arbeiten. Ich schrieb an das Magazin Asiaweek (ein panasiatisches Nachrichtenmagazin, das von 1975 bis 2001 erschien) und schickte ihnen mein Portfolio. Der Bildredakteur sagte einfach: „Ja, kommen Sie!“ So begannen mein Interesse und meine Arbeit in der Fotografie. In jenem Sommer assistierte ich auch Fotografen, recherchierte viel und lernte Dinge wie den Umgang mit Licht und die Bildkomposition, und es lief wirklich gut. Als ich meinen Abschluss machte, bot man mir eine Stelle an. So kam ich zur Fotografie.
ATS: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Kamera?
WLT: Meine erste Kamera war eine Nikon FE2, und ich habe sie noch immer. Die Kamera habe ich von dem Geld gekauft, das ich während meines Praktikums in Hongkong verdient habe, und sie hatte ein sehr gutes Objektiv. Als ich Ende der 1990er Jahre anfing, im Journalismus zu arbeiten, war das meiste noch analog. Man dachte bei der Fotografie immer noch an ein bestimmtes Format. Und es gab immer diesen gesamten Prozess des Fotografierens, mit Negativen und Positiven, das Scannen und das Layout im Magazin. Das ist also mein Hintergrund. Im Laufe der Jahre, in denen ich im Kunstbereich gearbeitet habe, habe ich eine Weile gebraucht, um die Bedeutung dieser Phase meiner fotografischen Karriere wirklich zu erkennen, denn sie hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was Fotografie eigentlich ist, wie Fotografie auf die Welt trifft, wie man das betrachtet, was einen umgibt, wie man mit Menschen umgeht, wie man Menschen interviewt und solche Dinge.
ATS: Sie haben diese Frage in Ihrer künstlerischen Laufbahn wahrscheinlich schon einige Male beantwortet, aber wir möchten dennoch fragen: Was fasziniert Sie am meisten an der Fotografie als Medium?
WLT: Ich denke, heute, oder in den letzten Jahren, oder vielleicht in meiner aktuellen Praxis, ist das Wichtige oder Interessante an der Fotografie, dass sie ein so komplexes Medium ist und dass sie etwas sagen kann, das gleichzeitig widersprüchlich ist. Und wenn wir zurückgehen und die Dokumentarfotografie als Ausgangspunkt betrachten, kann man das Foto als Dokument sehen, als Beweis. Aber wenn man so darüber nachdenkt, kann Zweifel aufkommen, wie man dieses Dokument eines Ereignisses betrachtet. Wer hat etwas fotografiert? Warum hat man etwas fotografiert? Von wo aus hat man etwas fotografiert? Was wurde übersehen? Ist das, was auf dem Foto fehlt wichtig?
Und von dort aus kann man dann dazu übergehen, wie man dieses Foto erlebt, abgesehen davon, was man tatsächlich sieht. Es ist auch eine Frage dessen, was das Foto hervorruft, welche Emotionen, welche Erinnerungen es tatsächlich beeinflusst und wie man das Foto betrachtet. Das ist also der eine Aspekt. Aber wenn man das Foto dann in der Hand hält, hat das Objekt auch eine haptische Dimension. Ist es klein? Ist es groß? Betrachte ich es in einem Fotoalbum? Blättere ich darin? All diese Dinge machen die Auseinandersetzung mit einem Foto extrem kompliziert. Und dazu kommt noch, wie das Foto heute zirkuliert. Ich finde diese Aspekte der Fotografie sehr spannend, weil Fotografie nicht nur eine Sache ist. Fotografie beeinflusst so viele Bereiche im Leben der Menschen.
ATS: Das ist ein interessanter Ansatz, der uns auch zu unserer nächsten Frage führt. Heutzutage macht jeder ständig Fotos mit seinem Smartphone. Wie wirkt sich das auf unser Verhältnis zur Fotografie als Medium der zeitgenössischen Kunst aus?
WLT: Viele Menschen haben Smartphones, viele Menschen machen ständig Fotos oder erstellen Bilder; es wird zu etwas extrem Allgegenwärtigem, und man könnte sagen, jeder könne ein Fotograf sein, was eigentlich völlig falsch ist.
Ich denke, dass die Fotografie, gerade weil sie so allgegenwärtig wird, im Bereich der zeitgenössischen Kunst sogar noch dringlicher wird.
Ein Smartphone ist im Grunde ein Werkzeug. Es ist eines von vielen verschiedenen Werkzeugen, die man nutzen kann, um ein Foto zu machen. Aber es ist auch ein sehr spezifisches Werkzeug. Es schafft bestimmte Rahmenbedingungen dafür, wie man sich selbst oder die Welt um sich herum fotografiert, wie man sie einrahmt. Weil es klein ist, bestimmt es die Art der Komposition, die man hat. Die Art und Weise, wie man es über soziale Medien teilt, schafft eine Form des Interagierens mit dem Rest der Welt. Es ist ein Werkzeug, das man nutzt, um zu kommunizieren und Teil dieser heutigen Welt zu sein. In diesem Sinne halte ich es für sehr wichtig für den Bereich der zeitgenössischen Kunst, denn Fotografie ist ein Weg, über den man darüber nachdenken kann, wie die Welt heute zirkuliert und welche Bedeutung diese verschiedenen Formen der Zirkulation haben.
ATS: Was sind Ihre Pläne für Ihr Projekt im Rahmen des Alexander Tutsek Photography Grants? Können Sie uns schon etwas darüber erzählen?
WLT: In meinem Projekt beschäftige ich mich mit zwei parallelen Familienarchiven – und den Lücken und Leerstellen darin. Ich gehe dabei derzeit auf zwei Arten vor. Zum einen verwende ich verschiedene Geräte, um die Abzüge und Fotografien abzubilden. Ich habe zum Beispiel in Singapur mit einem Mikroskop gearbeitet, um darüber nachzudenken, wie man die Oberfläche dieser Dinge betrachten kann. Ich nutze auch mein Handy. Als wir gerade über das Smartphone und zeitgenössische Kunst gesprochen haben: Ich habe mein Smartphone tatsächlich schon für viele Projekte eingesetzt.
Ich nutze verschiedene Geräte, um darüber nachzudenken, wie man diese Objekte auf einer Ebene neu abbilden kann. Aber ich betrachte auch Fotoalben. Ich untersuche, wie Alben im Laufe der Jahre von anonymen Händen bewegt und umgestaltet wurden, da wir nicht immer genau wissen, wer innerhalb eines Familienarchivs was getan hat. Wie Fotos aus verschiedenen Epochen mit unterschiedlichen Beziehungen zusammengestellt wurden und was das bedeuten kann. Und was Fotoalben betrifft: warum manche Bilder darin fehlen.
Ich beschäftige mich auch mit dem Faktor Zeit, denn viele der älteren Alben waren Papieralben, bei denen die Leute die Ecken umknickten oder festklebten, und mit der Zeit löst sich an manchen Stellen der Kleber, und viele der Fotos – fast so, als hätten sie ein Eigenleben – fallen heraus oder rutschen zusammen, und man beginnt, eine andere Erzählung zwischen den verschiedenen Fotos zu schaffen. Diese unterschiedlichen Arten des Neugestaltens im Gegensatz zu den Lesarten sind zwei Methoden, mit denen ich mich derzeit beschäftige. Ich denke darüber nach, wie man Leere in einem Archiv formal darstellen kann.
ATS: Vielen Dank, dass Sie uns Ihren künstlerischen Ansatz und Ihre aktuelle Sichtweise auf die Fotografie nähergebracht haben.
Über Wei Leng Tay
Wei Leng Tay (geb. 1978) ist eine Künstlerin, die in Singapur lebt und arbeitet. Ihr Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Fotografie, Video und Installation und untersucht Fragen der Identität, Erinnerung und Geschichte, insbesondere im Kontext von Migration. Ihre Projekte entstehen oft aus langfristigen Begegnungen mit Einzelpersonen, Familien oder Gemeinschaften und verbinden künstlerische Forschung mit Interviews, Archivmaterial und kollaborativen Arbeitsmethoden.
Im Zentrum ihrer Praxis steht zudem eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie selbst – seiner Materialität, seinen technischen Möglichkeiten und seiner Rolle innerhalb der gesellschaftlichen Bildproduktion. Tay arbeitet mit einer Vielzahl analoger und digitaler Verfahren, die von Cyanotypien und Filmaufnahmen bis hin zu Smartphone-Fotografien, Archivmaterial und mikroskopischen Bildgebungstechniken reichen. Durch diese bewusst gewählten technischen Ansätze untersucht sie, wie fotografische Bilder entstehen, zirkulieren und interpretiert werden.