Abbildung 1: Annegret Soltau, Mit mir Selbst, 1975/2022

© VG Bild-Kunst, Bonn 2025 Foto: Rolf Gönner

Abbildung 2: Porträt Annegret Soltau

Foto: Städel Museum – Sebastian Heindorff

Abbildungen 3-5: Ausstellungsansicht Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive

Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Interview mit Annegret Soltau

Anlässlich der Ausstellung Unzensiert. Annegret Soltau - Eine Retrospektive im Städel Museum (8.5.-17.8.2025)

Annegret Soltau (*1946 in Lüneburg) ist eine wegweisende deutsche Künstlerin, die seit den 1970er-Jahren mit ihrer radikalen und feministischen Bildsprache für Aufsehen sorgt. Bekannt wurde sie vor allem für ihre Fotoübernähungen und -vernähungen, mit denen sie Rollenbilder und gesellschaftliche Normen mittels Selbstporträts und Darstellungen des weiblichen Körpers erforscht. Ihr Werk zählt heute zu den wichtigsten Positionen feministisch inszenierter Fotografie und Body Art. Die Alexander Tutsek-Stiftung hat diese herausragende Ausstellung substanziell gefördert und durfte der in Darmstadt lebenden Künstlerin zu ihrer Ausstellung im Städel Museum einige Fragen stellen.

Alexander Tutsek-Stiftung: Liebe Frau Soltau, die Ausstellung im Städel Museum bietet den ersten umfassenden Einblick in Ihr Gesamtwerk, mit einem besonderen Fokus auf die „erweiterte Fotografie“. Die Ausstellung trägt den sehr eindringlichen Titel „Unzensiert“ – wie kam es dazu?

Annegret Soltau:
Der Titel der Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Städel Museum gewählt. Ich gebe zu, dass ich mich zu Beginn mit dem Begriff „unzensiert“ nicht besonders wohl gefühlt habe und das hat auch einen Grund. Denn ich war im Laufe meiner Künstlerinnenkarriere tatsächlich immer wieder mit Zensur konfrontiert. So auch mit der großformatigen Arbeit im Eingangsbereich der Ausstellung mit dem Titel generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter von 1994, die von einer umfassenden Dokumentation begleitet ist. Bei ihrer ersten geplanten Präsentation im Rahmen einer Wanderausstellung mit dem Titel Ästhetik im Alter wurde sie vom damaligen Bürgermeister (SPD) der Stadt Dietzenbach abgehängt. Argumentiert hat man das damals mit „Fürsorgepflicht“. Ein weiteres Mal wurde die Arbeit 2011 (!) mit großen schwarzen Vorhängen verhüllt, damals wurde mir der Marlies-Hess-Kunstpreis in Frankfurt/Main verliehen und die Arbeit war gemeinsam mit drei anderen meiner Werke in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks ausgestellt. Alle von mir ausgestellten Werke wurden von schwarzen Vorhängen verhüllt, weil sich Personen, die in dem Gebäude an Veranstaltungen teilnahmen und daran vorbei gingen, darüber beschwert hatten. Der damalige Direktor der Rundfunkanstalt hat dann die Verhüllung aller Werke veranlasst. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, auch die Jury nicht, die diese Werke ja ausgewählt hatte. Die Zensierung meiner Werke passierte in derselben Stadt, in der ich jetzt diese Retrospektive habe. Diese Arbeit hat einige Male Skandale hervorgerufen und das Städel Museum hat die Ausstellung deshalb auch „Unzensiert“ genannt.

ATS: Wie sieht die Arbeit generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter genau aus?

AS: Zu sehen ist auf dieser Arbeit eine weibliche Kette meiner eigenen Familie –  von meiner Tochter über mich bis hin zu meiner Mutter und meiner Großmutter. Diese vier Personen habe ich frontal gestellt und dann einen großen Abzug davon gemacht. Danach habe ich das Gesicht und die Körperteile von Hand aus den Abzügen herausgerissen und miteinander vertauscht. Meine Tochter hat die Brüste ihrer Urgroßmutter bekommen und meine Brüste habe ich mit der meiner Mutter vertauscht. So ist ein Bild entstanden, in dem der Austausch der Generationen gezeigt wird. Die junge Frau zeigt schon das Alte in sich und die Urgroßmutter zeigt das Junge in sich. Gewissermaßen eine Darstellung des „Alterslosen“. Die Vernähung in dieser Arbeit, aber auch in vielen anderen meiner Arbeiten, sollte von beiden Seiten sichtbar sein. Deshalb wurden die Bilder im Raum so gehängt, dass auch ihre Rückseite für die Betrachtenden sichtbar ist.

ATS: Wie sehen Sie bei diesen Reaktionen die Schönheitsideale unserer Gesellschaft widergespiegelt?

AS: Beim Frauenkörper hat man den Eindruck als müsste er immer optimiert oder operiert sein, um überhaupt die Berechtigung zu haben, in der Öffentlichkeit präsentiert werden zu dürfen. Das halte ich für falsch. Die Body-Positivity-Bewegung wird ja im Moment wieder zurückgedrängt. Auch das Altern wird in unserer Gesellschaft als etwas Unschönes betrachtet, die Weisheit des Alters wird gar nicht mehr gesehen oder gewürdigt.

ATS: Die Kuratorin der Ausstellung Svenja Grosser bezeichnet Sie als „Pionierin der feministischen Kunst in Deutschland“, insbesondere durch Ihre radikalen Fotovernähungen. Wie sehen Sie selbst Ihre Rolle in der Geschichte der feministischen Kunst und der Fotografie, und welche Botschaft soll die umfassende Präsentation Ihrer fotografischen Arbeiten im Städel Museum an zukünftige Generationen von Künstler*innen und Betrachter*innen senden?

AS: Ich interessiere mich als Künstlerin für die Prozesse, die jeden Menschen betreffen. Wir alle altern und wir alle sind sterblich. Mir ging es immer darum, dass alle Prozesse die Frauen durchleben, wie etwa die Pubertät, die Schwangerschaft und das Älterwerden, große Themen sind. Ich selbst wollte alle Körpererfahrungen durchmachen; auch eine Schwangerschaft, obwohl es in der feministischen Bewegung der 1970er Jahre eher verpönt war, als Künstlerin Kinder zu haben. Kinder bedeuten natürlich immer auch Einengungen, aber ich wollte das trotzdem, ich kann als Künstlerin Kinder haben und ich kann trotzdem so leben und arbeiten wie ich will und lasse mir keine Zensur aufdrücken. Das mit der Mutterschaft ist ein sehr sensibles Thema und man möchte auch niemanden verletzten. Ich musste das aber alles genauso machen, ich habe etwas dargestellt was es für Frauen damals so nicht gab. Jetzt höre ich immer wieder von jungen Frauen, dass diese Themen immer noch sehr aktuell sind. Mein Mann und ich, wir sind beide Künstler und haben uns auch beide um die Kinder gekümmert und hatten eine kleine Wohnung, das war auch sehr hart. Ich habe auch etwas mehr gemacht mit den Kindern.
Meine eigenen Erfahrungen als Kind spielen sicher auch eine Rolle bei meinen Werken. Ich selbst wurde 1946 als uneheliches Kind geboren und mein Vater war unbekannt, weshalb ich auch die ausgestellte Serie Vatersuche begonnen habe. Ich hatte nicht die entsprechende Schulausbildung und den Zugang über eine bürgerliche Herkunft, für mich war es ein Kampf in die Kunst zu kommen. Mit 21 Jahren habe ich dann begonnen an der Kunstakademie zu studieren. Mir ging es immer nur darum, Bilder zu machen, die Anerkennung war kein Thema, sondern nur das Ausdrucksbedürfnis. All diese Kämpfe und die Härte werden auch in meinen Arbeiten widergespiegelt, sie sind schön und hart zugleich.

ATS: Ihre Arbeitsweise der Fotoübernähung und -vernähung, die Sie seit vielen Jahrzehnten verfolgen, haben die Grenzen der Fotografie neu definiert. Wie haben Sie diese Techniken entwickelt, und welche Ausdrucksmöglichkeiten wurden Ihnen dadurch eröffnet um komplexe Gefühlswelten, innere Konflikte und emotionale Zustände sichtbar zu machen?

AS: Ich komme ursprünglich von der Malerei und von der Grafik und habe in meinen frühen Arbeiten auch viel mit Zeichnung und Radierung gearbeitet. Dabei habe ich oft Frauen dargestellt, die in irgendeiner Form „eingeengt“ waren. Ich habe die Frauenfiguren mit Haaren umhüllt und diese weiterfließen lassen über deren Gesichter und Körper, so wie Gebilde. Dies kann sowohl als Schutz aber auch als Einengung verstanden werden. Zuerst habe ich das in der Zeichnung gemacht und dann später in einer Performance meinen Kopf selbst mit dünnem Garn, wie das was man zum Nähen verwendet, umwickelt und dann habe ich dieses Garn in das ich ganz eingehüllt war, mit einer Schere durchschnitten um mich zu befreien. Diese Performances habe ich fotografiert und somit dokumentiert und so bin ich zur Fotografie gekommen. Dann habe ich begonnen, die so entstandenen Fotoabzüge in der Dunkelkammer zu bearbeiten. Und so kam ich immer wieder auf neue Ideen und habe mich gefragt was passiert, wenn ich da etwas ins Fotonegativ einritze oder aus dem Fotoabzug etwas herausreiße? Hier ergaben sich dann weiße Risskante, und wenn man diese Teile von Fotografien dann vernäht,   erhält man eine dreidimensionale Tiefe, die bei einer reinen Fotografie nicht möglich ist. Man hat also eine Tiefe im Werk, und die einzelnen Teile sitzen aufeinander und werden dadurch haptisch. Das ist für mich das wesentliche, dass es haptisch wird. So entsteht etwas objekthaftes. Die Fotovernähungen sind nicht reproduzierbar, somit handelt es sich bei den Arbeiten um Unikate. Was der Fotografie und ihrer Reproduzierbarkeit wieder entgegensteht. Der Fotografie-Begriff ist ja auch erweitert, man wird kreativ mit den fotografischen Techniken. Auch die Begriffe Fotoübernähung und -vernähung sind von mir, sie sagen auch alles aus über meine künstlerische Technik.

ATS: An welchem Projekt arbeiten Sie nach dieser großen Personale aktuell und welches derzeit ausgestellte Werk ist Ihnen heute persönlich besonders wichtig?

AS: Ich bin gerade bei einer alten Arbeit – ein Frauenakt – den ich in den 1970er Jahren abgezogen hatte und den ich damals nicht beendet hatte und das verbinde ich gerade mit neueren Sachen. Meine vorhin erwähnte Serie Vatersuche möchte ich natürlich auch zu Ende führen. Aber im Moment komme ich wegen der vielen Ausstellungen nicht wirklich dazu. Ich arbeite auch nicht mit Assistent*innen, denn ich möchte mir die Freiheit und die Autonomie bewahren, selbstbestimmt über meine Zeit zu verfügen. Ich gehe in unserem Haus hinunter und bin im Atelier, das ist hier so gewachsen. Meine Arbeiten sind auch so: die wären gar nicht entstanden, wenn ich das Atelier nicht im Haus hätte, das „Private ist politisch“ das habe ich gelebt und so habe ich auch immer gearbeitet und ich kann das nicht lassen und möchte auch so weitermachen. Grundsätzlich arbeite ich alleine und zwar den ganzen Tag und wenn ich beruflich gerade nicht irgendwohin muss, dann bin ich immer im Atelier, das mache ich so lange es geht – bis ich umfalle! (lacht) Mein Problem ist die Zeit, die reicht nicht für alle Ideen, aber ich mache immer weiter.

ATS: Vielen Dank für diesen schönen und persönlichen Einblick in Ihre Arbeitsweise und diese unglaublich tolle Ausstellung!

Die maßgeblich von der Alexander Tutsek-Stiftung unterstützte Ausstellung Unzensiert. Annegret Soltau – eine Retrospektive war von 8. Mai bis 17. August 2025 im Städel Museum in Frankfurt am Main zu sehen.