Janusz Walentynowicz, I Sat on the Ground, 1990

Courtesy Alexander Tutsek-Stiftung, © Janusz Walentynowicz, Foto: Hans-Joachim Becker

29. APRIL 2010 – 27. JANUAR 2011

Frozen-in Tension

Spannung und Entspannung, Anspannung und Ruhe – diesem Themenkomplex widmete die Alexander Tutsek-Stiftung in München die Ausstellung Frozen-in Tension (Eingefrorene Spannung). Der Titel der Ausstellung – ein technischer Begriff aus der Wärmebehandlung – ist mehrschichtig: Er sprach Inhalt und Material der Werke an. Die aus flüssigem, heißem Glas gefertigten Skulpturen, dann kalt und erstarrt, schienen auf einen ersten, schnellen Blick in sich zu ruhen. Doch bei längerem oder näherem Betrachten verwandelten sich Ruhe, Gleichmaß, Gelassenheit in subtile Gespanntheit, verstörende Unruhe bis hin zu emotionaler Sprengkraft. In der Ausstellung waren mehr als 30 Skulpturen aus dem Material Glas wichtiger internationaler Künstler*innen sowie Arbeiten der deutschen Fotografin Jessica Backhaus zu sehen.

Ausstellungsort
Villa
Karl-Theodor-Str. 27
80803 München

Anfahrt

Spannung und Ruhe

Die Ausstellung setzte die unterschiedlichen Positionen verschiedener Künstler*innen in Beziehung. Sie zeigte, wie facettenreich die Zustände Spannung und Ruhe in den Arbeiten erlebbar gemacht werden. Die spezifische Auswahl der Exponate ließ den Betrachter die Dialektik von Spannung und Ruhe erfahren – unabhängig von den eigentlichen, ursprünglichen Themen der Arbeiten.

Ein Leben ohne Spannung gibt es nicht. „Wir suchen Spannung und wir brauchen sie“, sagt die Vorsitzende der Alexander Tutsek-Stiftung, Eva-Maria Fahrner-Tutsek. Physikalische Spannungen wie Elektrizität oder mechanische Kraftfelder nutzt jeder tagtäglich. „Psychische Anspannung, die Aktivierung des Nervensystems unterstützt uns bei der Bewältigung vieler Aufgaben. Der zwischenmenschliche Bereich wäre ohne emotionale Spannung leer“ erklärt Eva-Maria Fahrner-Tutsek. Spannung aktiviert unser Leben und macht es aufregender.

Aber Spannung – einerlei, ob physikalisch, physisch, sozial oder ästhetisch – ist Spannung nur dann, wenn ein anderer Zustand Gegenpol ist. Eva-Maria Fahrner-Tutsek: „Ohne Entspannung, Ruhe, Auflösung oder Dissoziation kann es keine Spannung geben.“

Mit Arbeiten von:

Jessica Backhaus

Veronika Beckh

Christiane Budig

Dale Chihuly

Eliás Bohumil

Bruna Esposito

Josepha Gasch-Muche

Franz Xaver Höller

Jessica Kallage-Götze

Yoshiaki Kojiro

Stanislav Libenský & Jaroslava Brychtová

Jessica Loughlin

Yuko Matsumoto

Oda Masayo

Birgit Offner

Wilken Skurk

Essi Utriainen

Frantisek Vízner

Janusz Walentinowicz

Sunny Wang

Ann Wolff

Udo Zembok

Stanislav Libenský & Jaroslava Brychtová, Arcus I, 1990-1999

Courtesy Alexander Tutsek-Stiftung, Foto: Hans-Joachim Becker

Meisterwerke von
Stanislav Libenský & Jaroslava Brychtová

Konzeptioneller Ausgangspunkt der Ausstellung waren zwei bedeutende Skulpturen aus gegossenem Glas des großen tschechischen Künstlerpaars Stanislav Libenský und Jaroslava Brychtová. Libenský und Brychtová gelten in Verbindung mit dem Material Glas als wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts, weil sie unter anderem der Skulptur neue Dimensionen gaben. Berühmt wurden sie durch die Präsentation ihrer Arbeiten bei den Weltausstellungen in Brüssel, Montreal und Osaka aber auch als Lehrer und Förderer vieler Künstler*innen. Ausgehend von ihren Werken zeigte die Ausstellung in der Alexander Tutsek-Stiftung drei Künstler*innengenerationen: Von Persönlichkeiten wie Tessa Clegg, Bohumil Eliás, Ales Vasicek, Janusz Walentynowicz und Ann Wolff über die mittlere Generation – repräsentiert durch Künstler*innen wie Josepha Gasch-Muche, Katherine Coleman, Udo Zembok – bis hin zu Arbeiten jüngerer Künstler*innen. Hier waren Jessica Loughlin, Masayo Oda, Wilken Skurk und Studenten mit neuen, viel versprechenden Ansätzen vertreten. Die Ausstellung zeigte weiterhin Neuentdeckungen in der Glasszene wie Bruna Esposito aus Italien oder Sunny Wang aus Hong Kong mit Installationen.

Jessica Backhaus, Morning, 2007

© Jessica Backhaus

Fotos wie Stillleben:
Arbeiten von Jessica Backhaus

Die Fotografien von Jessica Backhaus zeigten die Bearbeitung des Themas in einem weiteren Material und traten so mit den Glasskulpturen in einen überraschenden Dialog. Die poetischen und manchmal auch melancholischen Fotografien von Backhaus strahlten in der Ausstellung auf eine ganz eigene Weise Spannung und Ruhe aus.

Jessica Backhaus, damals gerade nach Berlin gezogen, lebte und arbeitete lange Zeit in Paris und New York. Die deutsche Künstlerin beschäftigt sich in ihren Werken mit Vergänglichkeit, aber auch mit den Träumen und Hoffnungen der Menschen. Die Werke von Backhaus erinnern häufig an Stillleben. Zufällig vorgefundene, alltägliche Dinge erzählen ihre Geschichte, ohne inszeniert zu wirken. Ausstellungen mit ihren Arbeiten waren unter anderem in der National Portrait Gallery in London und im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Die Künstlerin hat zahlreiche Fotobücher veröffentlicht. In der Ausstellung Frozen-in Tension wurden Fotos aus den Serien What Still Remains und One Day in November gezeigt.